Urin, Heidelbeeren und Marc Almond
von Onkel Max
Woher ich das weiß? Aus dem Postbuch '86, einem 480
Seiten dicken teils farbigen Din A 4 - Werk. Erhältlich für
7 DM auf jedem Postamt. Für mich ist es unentbehrlich. Woher sollte
ich sonst wissen, daß ich eine LP als Warensendung schicken kann,
aber zwei LPs nur als Päckchen oder Brief? Die preisgünstigen
Warensendungen gibt es nämlich nur bis 500g und ins Ausland überhaupt
nicht. Interessant am Postbuch ist aber vor allem, was die Post alles
verbietet. So darf man auf Briefen z.B. nicht den Bestimmungsort unterstreichen.
Schlüssel dürfen nicht in Briefumschlägen verschickt werden,
sondern innerhalb Deutschlands nur unverpackt mit einem Anschriftsanhänger.
Die Gebühr von 4,90 wird vom Empfänger eingezogen. Schickt also
eure alten Schlüssel an eure Feinde! |
Ansonsten ist aber das Postbuch gar nicht so interessant, wie Trevor im letzten Staubsauger geschwärmt hat. Es steht viel langweiliges Zeug über Postprotestaufträge, telex, Bildschirmtext etc. drin. Interessant sind noch ein paar groteske Telephonmodelle wie "Oslo" aus Eschenholz, das aussieht wie eine Vagina von Ikea; und manchen Leser wird es in Fingerschnipslaune versetzen, zu erfahren, daß gegen eine Gebühr von nur 130 DM vierteljährlich Briefkästen auch in privaten Räumen aufgestellt werden und regelmäßig geleert werden. Insgesamt gesehen kann man sagen, das Postbuch ist besser als der Duden, aber nicht so gut wie die Bibel. **:Briefkästen Jetzt noch einige Kurze Bemerkungen über Marc Almond. Jeder anständige Mensch auf der Welt ist der Ansicht, daß Marc Almond ein lieber und herzensguter Mann ist, einer den man herzen und drücken und dessen Konzerte man zahlreich besuchen und begeistert beklatschen sollte. So ist es und so sollte es auch sein. Nach dem Konzert soll man noch etwas rumstehen und ein Bier trinken oder vier und einander sagen, wie schön es wieder war. Unbedingt vermeiden sollte man es, mit Kassettenrekordern in der Hand dem Künstler hinter die Bühne zu verfolgen und ihn durch aufdringliches Fragen der wohlverdienten Entspannung zu berauben. Es sind sowieso immer die gleichen Wichtigtuer, die nach Konzerten in den ohnehin immer überfüllten Backstageräumen den Musikern ihr weniges Bier wegtrinken, diese allgemein schmächtigen vierzigjährigen TipZittys, die halt gerne zuschauen, wie allgemein kräftige zwanzig-jährige englische Musiker ihr verschwitztes Oberteil ausziehen. Insbesondere meine ich Kade Eraserhead und den Ex-Underground-Potentaten Burkhard "Zensor" Seiler, der jetzt aufgedunsene Soulgrößen in den Osten verhökert. So verstanden wir, Anne, TED und ich, die wir Santtttrrrra gemeinsam vermieden und Almond gemeinsam genossen haben, es nur allzu gut, als Monika, hektisch mit Sektflaschen für ihren Lieblingssänger jonglierend, uns beschied, daß Marc Almond während Touren grundsätzlich keine Interviems gebe. Was hätte man den denn fragen sollen? Sein Herz ist rein, seine Band ist niedlich, seine Musik ganz normal und seine Faszination vom Glamour der Gosse so durchschnittlich und schlicht, daß es da einfach nichts zu fragen gibt. Ich frage mich aber doch, was an dem Mann dran ist, daß z.B. Anne, diese robuste, von allen Mühlen des Lebens gemahlene Frau, nach dem Konzert eingestandermaßen einen feuchten Schlüpfer hatte. Auch Ted, der jetzt übrigens in der Eierschale am Kudamm arbeitet und das auch noch gut findet, hingen Tropfen an der Lippe. Nur ich war nirgendwo naß. Ich habe mich zwar gut unterhalten, aber geil war es nicht, Herr Almond verläßt sich nämlich zulasten der Nuance des Ausdrucks zu sehr auf die Wirkung einer "großen Stimme". Man nennt das im Allgemeinen "knödeln". Hinterher im Swing traf ich einen Gilbert Blecken von einer Steglitzer Schülerzeitung, der allgemeines Geschmunzel auslöste, als er auf die Frage nach seinem Alter mit "Ich geh jetzt in die Elfte" antwortete. Der Titel der letzten Almond-LP verherrlicht übrigens das Masturbieren und das ist gut so. |
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